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Sehen und Denken Albert Merz und Norbert Stocker — Altstadthalle Zug, 29. August 2026 Sehen und Denken stehen zueinander in vielfältiger Beziehung. Die französische Sprache offenbart es im Gleichklang von savoir und voir ça, von Wissen und dies sehen. Albert Merz und Norbert Stocker, die beiden Künstler, in deren Ausstellung wir uns hier befinden, zeigen es mit ihren Werken, den Skulpturen und der Malerei. Denken und Sehen: die Kunst macht Denken sichtbar, im Sehen finden wir ins Denken, und nur was wir im Denken erreichen, sehen wir auch wirklich. Was sehen wir hier? Wir sehen Balken, die sich strenger Rechtwinkligkeit und Geometrie verweigern, die sich in ihren erstarrten Bewegungen dem natürlichen Wachstum, aus dem sie herausgeschnitten sind, wieder annähern. Mit ihrer Färbung ahmen sie pflanzliche Gewächse nach und markieren zugleich Distanz zu ihrem natürlich gewachsenen Material. Sie nähern sich dem Gegenpol zur Natur, der Zivilisation, der Kultur und Kunst an. Sie zeigen sich als Linien, in den Raum gelegt und greifbar geworden. Sie sind Spuren eines Denkens, sie fordern uns zum Denken heraus, lassen uns fragen, was wir hier vor uns sehen. Wie das Denken und das Sehen stehen auch die Natur und die Kunst in vielfältigen Wechselbeziehungen. Was die Skulpturen von Norbert Stocker in greifbarer Sinnlichkeit vor uns vergegenwärtigen, das zeigen die Malereien von Albert Merz auf einer abstrakteren und dabei nicht weniger sinnlichen Wahrnehmungs-Stufe. Aus gestalterischem Denken heraus hat der Künstler gezeichnet und gemalt, Sichtbarkeit hergestellt und im Bild festgesetzt. Diese festgesetzte Sichtbarkeit bleibt durchlässig auf Unsichtbares hin. Was wir sehen, sind Zeichen, nicht als Linien im Raum wie bei Norbert Stocker, sondern als Linien auf einer Fläche, die sich durch diese Linien auf Raum und Räume hin öffnet. Unser Sehen setzt die Linien zueinander in Bezug, durchdringt die Oberfläche, der Blick verbindet die Linien zu Abbildern von Körpern. Wir sehen Pflanzenformen, Baumstämme, die einzeln stehen oder sich zu Gruppen fügen, sehen Raumkörper und Wolkengebilde, die von Linien überdeckt oder durchzogen sind, die uns mit ihren Verästelungen an Lebensadern und Schicksalslinien denken lassen. Oft treffen in diesen Bildern zwei Sphären aufeinander: das Natürliche, Gewachsene und das Geometrische, Konstruierte. Es sind die Sphären von Natur und Kultur, die beiden Bereiche des Gefundenen und Gesehenen einerseits und des Abstrahierten und Gedachten andererseits. Die Sphären sind nicht streng getrennt, sie beeinflussen sich im Vorgang des Malens gegenseitig, neigen manchmal mehr zum Gesehenen und manchmal mehr zum Gedachten. Die Grenzen sind einmal deutlich gezogen, ein andermal verwischen sich Linien und Formen und gehören ununterscheidbar beiden Sphären zu. Was zu der Malerei von Albert Merz gesagt ist, hat seine Richtigkeit auch für die Skulpturen von Norbert Stocker. Sie mögen einfach und handgreiflich erscheinen, doch sie haben genauso ihre vielfältigen Bezüge zum Sehen und Denken, sie gehören ebenso den Sphären des Gefundenen und des im Gegenpol durch Denken Gestalteten an. Auf den ersten Blick mögen sie näher an der Natur zu verorten sein, denn oft noch zeigen sie in ihrer gestalteten Form die ursprüngliche, die gewachsene Gestalt. Doch der Künstler verwandelt durch seine Arbeit, schon durch die Wahl des zu bearbeitenden Werkstücks, was er gesehen und vorgefunden hat. Sein Gestalten imitiert manchmal Formen der Natur, folgt ihren Vorgaben, dann wieder durchbricht er sie und formt seine Skulptur zum Zeichen, nähert sich sogar unverkennbar «brauchbaren» Gegenständen der Zivilisation an. Ein näheres Hinsehen allerdings betont dann doch den Kunstcharakter, die «Unbrauchbarkeit» dessen, was ein Möbel, eine Krücke, eine Ansammlung von Bilder- oder Fensterrahmen zu sein schien. Es ist, wir sind noch immer bei unserem Thema, das Denken, das uns über unseren Irrtum aufklärt und was wir sehen einordnet in die nicht naturferne, sondern von ihr nur getrennte Sphäre der Kunst. Einmal eingetreten in diese Sphäre, der Zuordnung bewusst geworden, regen diese Skulpturen unser Denken weiter an und lenken unsere Gedanken und Fragen auf das, was diese Skulpturen ausmacht. Die eingefärbten Hölzer können unsere Emotionen wecken; sie spielen mit Kontrasten und Annäherungen, verleiten zu Assoziationen und Erinnerungen vielleicht an Erlebtes, an Empfindungen, an Landschaften oder andere Sensationen. Und wer weiss, am Ende sehen wir durch unser Denken im plastisch realisierten Objekt plötzlich den Nachklang eines Tafelbilds, das in seiner Fläche alles Räumliche nur vortäuscht. In zwei Dimensionen begegnen uns die Werke von Albert Merz und von Norbert Stocker, die beide vor rund achtzig Jahren in Unterägeri und in Baar geboren sind und heute in Berlin und in Schwyz leben und arbeiten: Im Raum und in der Fläche, in der Skulptur und in der Malerei. In ihrer Gegenwart bewegen wir uns zugleich in den Sphären des Sehens und des Denkens. In der Betrachtung und in der Auseinandersetzung mit der Kunst sind diese beiden Sphären nicht zu trennen und auf keine von beiden können wir verzichten. Dass ihr Miteinandergehen weder belastend noch schwierig ist, das erleben wir hier im teilnehmenden Gegenüber zu den Werken dieser beiden Künstler. Dass dieses Haus des Getreideaufbewahrens und -handelns aus dem 15. Jahrhundert mit seinen noch ursprünglichen Säulen und Bohlenwänden dafür einen so passenden Ort anbietet, erhöht unser Glück mit dieser Ausstellung. Diese Räume laden zum Verweilen ein, und die Werke von Albert Merz aus Berlin und von Norbert Stocker aus Schwyz geben unserem Sehen und Denken Gelegenheit genug, uns lange und wiederholt mit ihnen auseinanderzusetzen. Das ist das sowohl Naheliegende wie Höchste, was uns die Kunst gewährt: Anlass zu sein für vielfältige sinnliche Erfahrungen, für das nicht allein passive, für das wirkliche Sehen: für das Sehen und Denken. Urs Bugmann

Für seine Skulpturen arbeitet der Bildhauer, Zeichner und Maler vorwiegend mit Holz. Er schuf zahlreiche Werke für den öffentlichen Raum. Ausbilden liess er sich an der Kunstgewerbeschule Luzern sowie an der Hochschule für Bildende Künste Berlin und in London. Als Kulturförderer stiess er für den Kanton Schwyz wichtige Projekte an, begleitete sie und setzte sie um. In der Rolle des Kulturvermittlers gelang es ihm immer wieder, in seinem beruflichen Umfeld wie auch in der Bevölkerung kulturelle Fragen anzustossen sowie die Freude am kulturellen Schaffen und an der Auseinandersetzung mit Kultur zu fördern. NobertStocker.ch

 Norbert Stocker ist einer der prägendsten Künstler und Bildhauer der Innerschweiz Schwyz Schweiz. 

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